Als Rentner in Costa Rica – PURA VIDA

Das Arbeitsleben hinter sich, die Rente gesichert! Was fange ich mit dem Rest meines Lebens an? Diese Frage stellt sich für viele Menschen und manche suchen sich neue Hobbys, bereisen die Welt oder träumen davon, den Lebensabend unter Palmen in einem sonnigen Land zu verbringen. Der beste Zeitpunkt, den lang gehegten Wunsch des Auswanderns in die Tat umzusetzen. Angenehmeres Klima schafft zusätzliches Wohlbefinden zugunsten  der Gesundheit. Viele Altersbeschwerden verschwinden, mehrere Sonnenstunden lassen die Seele erblühen. Oder ist es die Lust auf ein Abenteuer? Möchte man den Zauber eines neuen Anfangs spüren, ein Geheimnis ergründen?  Wird es besser oder schlechter werden?

Ein Leben auf einem fernen Kontinent! Dieses Wagnis startete ich mit meinem Mann vor 10 Jahren! Gut überlegt, gehandelt, bis heute nicht bereut! Es siegte ein Bauchgefühl! Costa Rica, das winzige Land zwischen Panama und Nicaragua, so groß wie Niedersachsen, sollte unser Wohnsitz für die nächsten Jahre werden! Ich sehnte mich nach Wärme! Meine damaligen rheumatischen Schmerzen konnte ich in der Kälte kaum ertragen! Und letztendlich war da eine Wissbegierde, die uns drängte, in eine ganz andere Kultur hineinzuschnuppern!

Leicht war das keinesfalls! Nicht am Anfang. Denn ich musste mich mit zwei Dingen auseinander setzen. Das Fremde, das Andere, das ungewisse Umfeld. Es bildete eine Distanz. Das war das Äußere. Und in dieser Fremdheit fühlte ich mich fremd, das war mein Gefühlszustand! Also das Innere. Veränderungen bringen immer Fremdes mit sich. Doch wir alle streben von Natur aus nach Verlässlichkeit, nach Bekanntem, nach Zugehörigkeit und Vertrautheit. Der Mensch ist ein Herdentier. Diese Bezeichnung verdient seine Berechtigung. Findet er seine Herde in Form von Freunden und Gleichgesinnten, fühlt er sich geborgen. Wenn das nicht passiert, wird er sich immer als Fremder vorkommen.

Habe mich integriert in einer Kultur, in die ich nicht hineingeboren wurde. Das ist nur möglich, wenn man sich intensiv damit auseinandersetzt und  bereit ist, die Landessprache zu erlernen. Ich durfte Menschen begegnen, die mir das Gefühl geben, dazu zu gehören, ein neues Zuhause gefunden zu haben. Sie möchten etwas teilen mit mir. Diese Erfahrung zählt zu den unvergessenen Momenten meines Lebens.

Die üppige Natur, schlafende und aktive Vulkane, steile Gebirgsketten mit dampfenden Regenwäldern, exotische Pflanzen und vielfältige Tierwelt, Erfrischung spendende Bergbäche, menschenleere Strände und das angenehme Klima sind wohl verantwortlich für die herausragende Menschlichkeit, die eine so bedeutende Rolle spielt! Nicht was Du hast oder bist! Hier lebt man miteinander, nicht gegeneinander! Familie und Gemeinschaft stehen an erster Stelle. Die persönliche Anrede erfolgt immer mit dem Vornamen, schafft schnell ein vertrautes Verhältnis. Man macht sich nicht allzu viele Sorgen. In einem Land des Friedens sind Liebenswürdigkeit, Respekt und Fürsorge geschätzte Werte. Jetzt und hier wird gelebt! Man arbeitet um zu leben! Nicht umgekehrt!

Der Beginn eines neuen Lebens

Wie wichtig es ist, Personen in der Muttersprache um sich zu haben, wurde uns schnell bewusst. Obwohl wir Spanischkenntnisse aufweisen konnten, verstanden wir kein Wort. Die Einheimischen pflegen ihr eigenes Vokabularium, reden viel zu schnell, nuscheln und verschlucken die Wortenden. Englisch sprachen wenige und manchmal errichtete sich eine unsichtbare Mauer vor uns, ein Durchkommen schafften wir mit Händen und Füßen. Irgendwie ging es und wir kamen einigermaßen zurecht. In einem Forum lernten wir ein deutsches Ehepaar kennen, sie wurden unsere besten Freunde. Die beiden lebten schon ein halbes Jahr in Costa Rica und konnten auf die eine oder andere Erfahrung mehr zurück blicken. Davon durften wir profitieren und fühlten uns nicht ganz allein stehend hier!

Trotzdem war alles anders. Unbeschwert! Man spürte gleich keine Zwänge mehr. In den ersten Wochen besaßen wir noch kein Auto, gingen viel zu Fuß. Auch zum Einkaufen in den Ort. Fern blieb die Eile, hatten Zeit, viel Zeit. Unterwegs grüßten uns alle Menschen, denen wir begegneten. Wir fühlten uns willkommen. Jeder lächelte. Sämtliche Einheimische strahlten Ruhe aus. Das gelang uns nicht immer! Vor allem dann nicht, wenn wir dachten, dass die Kassiererin im Supermarkt jeden Moment einschlafen könnte! Mitunter überwältigte uns ein Drang, diese Vermutung halblaut zu äußern! Es verstand uns ja niemand! Dafür gibt es aber auch kein Gedränge in der wartenden Schlange. Das ist sehr angenehm. Am Ende der Kasse steht eine Person, die sehr sorgfältig und entspannt die bezahlte Ware in Tüten packt, bedächtig sortiert in Lebensmittel, Getränke, Toilettenartikel,  Kosmetika. Selbst Hand anlegen ist nicht erwünscht! Doch wir ertappten uns immer wieder dabei, daran gewöhnt, dass alles schnell vom Band zu entfernen war! Überall im ganzen Land wird das so gehandhabt. Chancenlos für Stress! Die Costaricaner kennen keine Hektik! Ihr Puls pendelt immer in der Ruhestellung! Für uns ist das eine Lernaufgabe!

Ich glaube, wir fühlten uns im ersten Jahr unseres hier seins wie in einem lang gezogenen Urlaub. 10 000 km entfernt von Deutschland wurde sich mit allem vertraut gemacht, was so anders schien. Der Genuss von Ruhe und Entspanntheit erforderte viel Zeit, wie ein fünf Gänge Menü. Es gab einiges zu belächeln und verschiedenes zu bewundern! An das Klima mussten wir uns gewöhnen, wie auch an einen anderen Kleidungsstil. Alle trugen Shorts und Tops mit Flip Flops an den Füßen. Versuchte mich anzupassen, ganz langsam. Hier wird großen Wert auf Körperpflege gelegt. Die Menschen kleiden sich mit schlichter, leichter Garderobe, doch alles in vollendeter Farbharmonie, bis zum Schmuck. Fuß- und Fingernägel versehen in kunstvollem dezenten Design. Die langen schwarzen, glänzenden und dichten Haare der weiblichen Personen vervollständigen ein perfektes Outfit. Wie ich sie bewundere, ja beneide!

Eine andere Mentalität

Fragte nach Zeitschriften. Kosmetik oder Mode. Leichter Lesestoff zum Verbessern meines spanischen Verständnisses. Man überlegte, doch weiterhelfen konnte mir keiner! Das wollte ich nicht verstehen! Fand keine Bücherläden! Die Costaricaner lesen nicht! Der Fernseher ist bequemer! Verallgemeinern möchte ich das nicht! Beobachte es allerdings! Dabei legt die Regierung großen Wert auf Erziehung und Bildung. Schulpflicht wurde bereits 1863 eingeführt. Mit der Verfassung von 1949 schaffte man das Militär ab und legte fest, dass der bis dahin für die Streitkräfte ausgegebene Betrag künftig für Schule und Bildung vorzusehen sei. Die Analphabetenquote liegt bei 4,2 Prozent, ist nach Kuba mit 3 Prozent die zweitniedrigste Mittelamerikas.

Doch Verwunderliches beschäftigte uns. Wir sind mit einer Englischlehrerin befreundet. Beim Austausch in dieser Sprache ringt sie nach Vokabeln! Nein, sie findet sie nicht! Manchmal sind Kleidungsstücke heruntergesetzt und man bekommt 20 Prozent oder 30 Prozent Nachlass auf die Ware. Die Verkäuferin in unmittelbarer Körpernähe platziert mit dem Taschenrechner in der Hand, versteht sie nicht, dass wir den neuen Preis schon viel schneller im Kopf errechnet haben! Die lieb gemeinte Hilfsbereitschaft empfanden wir oft lästig. Manchmal trieb uns die Verfolgung auf Fersenhöhe direkt wieder aus dem Geschäft. Heute bedanken wir uns freundlich und zeigen damit unsere Anerkennung gegenüber der gastgebenden Mentalität. Eine Bankerin zählt ebenfalls zu unseren Freunden. Ohne die elektronische Hilfe in ihrem Handy kann sie nicht die einfachsten Aufgaben lösen! Können sie es nicht oder siegt die Bequemlichkeit? Ich denke, Letzteres! Anstrengendes wird vermieden! Niemand schreit den anderen an um Frust los zu werden. Nie beobachtete ich solche Ausbrüche! Höflichkeit und Respekt untereinander mit einem freundlichen Lächeln werden praktiziert, festgelegt in einem genetische Programm! Bewundernswerte Hochachtung! Habe mich angepasst und verändert. Nur Weniges bringt mich noch aus der Ruhe! Die Erfahrung ist ein Lehrer! Das ist ein tolles Gefühl!

Warten auf unsere Aufenthaltsgenehmigung

Obwohl wir diese in Deutschland schon beantragt hatten, zweimal in Berlin den Costaricanischen Botschafter konsultieren mussten, dauerte es eineinhalb Jahre  bis wir sie hier endlich in unseren Händen hielten. Heute verstehen wir das natürlich viel besser! Zwei Wörter verbinden sinnbildlich die Wesensart der Ticos, so nennen sich die Costaricaner selbst, alles wird etwas verniedlicht! PuraVida , das pure Leben, kann alles bedeuten, vom Hallo bis zum Auf Wiedersehen, durchweg okay, repräsentiert Costa Rica als das glücklichste Land der Welt! Dazu gesellt sich die Tranquilo – Mentalität, immer ruhig bleiben, wenn nicht heute, dann eben morgen! Diese Entschuldigung findet allseits Akzeptanz. Alle bewegen sich mit langsamen Schritten durch den Tag. Geduld braucht man in diesem Land! Die einen lernen das irgendwann, andere nie! Nun war das Ausreisen alle drei Monate in ein Nachbarland kein Thema mehr, obwohl wir immer eine große Bereicherung an Eindrücken mitgenommen haben. Vor allem aus Nicaragua, dem armen Volk mit seiner ungeahnten Kultur und Kunst. Costa Rica kann sich ein großes Stück davon abschneiden!

Der kleine Staat zwischen zwei Ozeanen macht es Auswanderern nicht gerade einfach, darin Fuß zu fassen. Seine Anforderungen, die Residencia zu erlangen sind die höchsten im Mittelamerikanischen Raum. Eine monatliche, lebenslange Rente, gesetzlich oder aus einer privaten Versicherung von mindestens 1 000 Dollar ist nachzuweisen! 60 000 Dollar, fest angelegt auf einem Konto für fünf Jahre, das wäre die nächste Option! Oder man erwirbt im Wert von 200 000 Dollar eine Immobilie! Nun steht dem Ersuchen einer Aufenthaltserlaubnis nichts mehr im Wege. Diese wird immer nur für zwei Jahre ausgestellt, nach Ablauf muss sie jeweils kostenpflichtig verlängert werden. Das Gleiche gilt für den Führerschein, der nach sechs Jahren verfällt, ein weiterer Griff in die Tasche unumgänglich. Insbesondere die finanziellen Voraussetzungen können von vielen nicht erreicht werden, deshalb wird der Traum vom Auswandern nach Costa Rica leider nicht für jeden seine Verwirklichung finden können!

Will man seinen Lebensstandard aus Deutschland eins zu eins weiterführen, muss hier mit höheren Kosten gerechnet werden! Costa Rica ist ein teures Land! Lebensmittelpreise sind zum Teil außergewöhnlich hoch, eher mit der Schweiz zu vergleichen! Das liegt wohl an der touristischen Beliebtheit des paradiesischen Kleinods. Für Elektrogeräte, Computer, Smartphons und die monatlichen Gebühren muss man hier viel mehr bezahlen, wie auch für Möbel und Autos! Dafür fallen keine Energiekosten an, das Beschaffen warmer Kleidung entfällt. 800 Dollar bis 1 500 Dollar  monatliche Miete für ein Haus, in dem wir Europäer uns wohl fühlen sind ganz schön happig und ständig steigend! Grundsätzlich werden alle Ausländer von den Costaricanern als reich eingestuft!

Erste Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem

Ein Arzt mit seiner Familie lebte damals als direkter Nachbar auf der rechten Seite unseres Anwesens.  Seine Hilfe mussten wir einmal in Anspruch nehmen, am frühen Morgen als mein Mann nach einer schlimmen Nacht die Schmerzen in seiner Brustgegend mit Atemnot nicht mehr aushalten konnte. Er hat ihn mit dem Rettungsdienst in das Krankenhaus bringen lassen und wir machten zum ersten Mal Erfahrung mit dem Gesundheitssystem und der medizinischen Versorgung in diesem Land. Es war überraschend perfekt! Ärzte kümmerten sich sofort um meinen Mann! Untersuchungen, Röntgenaufnahmen, Medikamente, Beobachtung! Ihm wurde sogar ein Essen gereicht! Und das alles, obwohl wir noch nicht in der Krankenversicherung aufgenommen waren! In Costa Rica werden Notfälle – ob Einheimische oder Fremde – ohne Kosten behandelt!

In der staatlichen Krankenkasse “Caja Costarricense de Seguro Social” kann sich jeder versichern, Gebürtige  wie auch Ausländer! Maximal 10% vom monatlichen Einkommen werden berechnet, mit jährlicher Erhöhung. Ehepartner und Kinder bis zum 18. Lebensjahr sind in den Betrag mit einbezogen. Beamte haben eine gewisse Handlungsfreiheit, die sie autorisiert, Ausländern höhere Beiträge zu berechnen, wie in unserem ganz persönlichen Fall! Dagegen Einspruch zu erheben ist zwecklos! Freie Arztwahl hat man keine, auf eine fachärztliche Untersuchung – auch ein simples EKG oder Zahnbehandlungen – muss man 6 Monate und länger warten, auf eine OP manchmal 1-2 Jahre! Alle Leistungen werden komplett bezahlt, auch Medikamente! Wird man allerdings in letzter Minute mit der Emergencia in das Krankenhaus transportiert, kümmern sich die Ärzte emsig um das Überleben der eingelieferten Person! Stellen sich Bedenken ein, die Zeit bis dahin nicht zu überdauern, hat man die Möglichkeit der privaten Behandlung, kompetente Fachärzte, Selbstzahlung! Wie beruhigend, wenn das finanzielle Budget nicht so eng geschnürt ist!  Es werden auch private Krankenversicherungen angeboten, für die meisten unbezahlbar!

Rentner genießen Vorteile

Sie erhalten Eintrittsermäßigungen zu den unzähligen Nationalparks, die alle gebührenpflichtig sind und nicht niedrig. Oder bei Theaterbesuchen. In den Bus dürfen sie zuerst einsteigen, zahlen nichts oder nur die Hälfte je nach Entfernung des Zielortes.  Junge Leute weichen zur Seite, ganz selbstverständlich ohne murren und schimpfen. Geben ihren Sitzplatz frei für Ältere, Schwangere oder Mütter, die ihre Babys auf dem Arm tragen. Die meisten Apotheken gewähren für Rentner 10% Rabatt auf selbst zu zahlende Medikamente. In den Banken werden noch viele Transaktionen händisch ausgeführt und man muss lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Für Rentner und Körperbehinderte steht ein separater Schalter zur Verfügung, der den Aufenthalt im Gebäude verkürzt. Wer sich entschieden hat, seinen Wohnsitz in Deutschland völlig aufzugeben, kann sich seine Rente problemlos auf sein Costaricanisches Konto überweisen lassen!

Mit veränderten Situationen umgehen

Lieb gewonnene Freunde sehen sich gezwungen, ernste Entscheidungen zu treffen. Sie gehen zurück in ihr Heimatland! Kommen nicht mehr zurecht! Vereinsamen in der Fremde! Die Integration überforderte sie! Hatten andere Vorstellungen! Schafften es nicht, die Landessprache konsequent zu erlernen um sich mit Ärzten und Behörden auszutauschen! Unerwartete Kosten im Krankheitsfall haben finanzielle Rücklagen aufgefressen! Das Preis/Leistungsverhältnis stimmt schon lange nicht mehr! Vermissen ihre Kinder und Enkel! Langstreckenflüge verteuern sich kontinuierlich und die Flugdauer von vierzehn Stunden und mehr wird im Alter zunehmend zur Belastung! Das mussten wir oft erleben und es war jedesmal wie ein Sterben, loslassen und akzeptieren. Neue Interessen helfen mir, Verluste in Form von Menschen zu verarbeiten, schöne Geschehnisse lächelnd bestehen zu lassen. Wenn das Leben keine Termine mehr vorgibt müssen wir lernen, uns selbst sinnvoll zu beschäftigen! Diese  Aufgabe sollte sehr ernst genommen und niemals vernachlässigt werden, erst recht im Ausland! Körper und Geist werden sich mit Zufriedenheit bedanken und uns noch schöne Jahre schenken. Sehr vielen gelingt das nicht und die Gefahr, dem Alkohol zu verfallen ist sehr real, häufig und traurig!

Der gewohnte Alltag

Alles was wir am Anfang belächelt oder bestaunt haben, gehört längst zu unserem Alltag. Unangenehmes hat dem Angenehmen Platz gemacht. Man sieht die Dinge mit anderen Augen. Die tägliche Dunkelheit ab 18.00 Uhr abends, wie lange konnte ich mich daran nicht gewöhnen. Heute erfreut es mich, im beleuchteten Garten zu sitzen mit einem Buch oder mit Freunden. Dafür beginnen die Tage morgens um 5.00 Uhr mit dem vielstimmigen Gesang der Vögel, zur Begrüßung der Sonne, die sich ganz zart noch hinter den Bergen vermuten lässt. Das Leben hat einen anderen Rhythmus!

Fast jede Familie bewohnt ein Häuschen oder Haus, je nach wirtschaftlicher Situation. Die Gärten, umgeben von hohen Mauern,  wirken wie ein großes Wohnzimmer im Freien, keiner stört die Privatsphäre. Zunächst empfand ich das genial, doch mit den Jahren vermisst man die Schwätzchen mit den Nachbarn. Kräftig leuchtende Bougainvilleas schmücken das grüne Ambiente, Kolibris tummeln sich an prächtigen, riesigen Hibiskusblüten. Wie selbstverständlich entnehme ich Zitronen, Orangen und Bananen den eigenen prall behängten Bäumen! Tag für Tag, das ganze Jahr! Aufregendstes Ereignis im Dezember ist die Kaffeeernte! Durchs ganze Haus strömt das Aroma gerösteter Kaffeebohnen, die zuvor in mühsamer Handarbeit aus den Kaffeekirschen gepult wurden! Nur für den eigenen Verbrauch! Das Endprodukt, Cafélikör, ein beliebtes Mitbringsel für Gastgeber!

Wenn ich am Strand sitze und den Sonnenuntergang beobachte, denke ich über die Definition von Luxus nach.  Ja, Luxus ist für mich, viel Zeit zu haben für Dinge, die mir gut tun! Nichts Materielles, sondern Seelenfrieden  und Gesundheit! Unvergessene Stunden mit unseren unzähligen Gästen sind fest verankert in der Erinnerung. Auch Touristen, die wir rein zufällig getroffen haben, luden wir zu uns nach Hause ein und es entstanden außergewöhnliche Freundschaften. Das füllig vorherrschende Grün und der Dschungel zieht die Menschen an, wirkt beruhigend, symbolisiert Hoffnung, Harmonie und Lebensverjüngung! Bewegt sie zum Wiederkommen! Schon im Mittelalter schrieb Hildegard von Bingen über die positive Heilkraft der Farbe Grün! Das kann ich jetzt gut verstehen! Meine rheumatischen Beschwerden zeigen sich nur noch selten! Grippe, Husten, Schnupfen ergreifen keinen Besitz von mir!

Einmal im Jahr verbringe ich mehrere Wochen, manchmal Monate in der Umgebung meines Geburtsortes.  Deutschland wird immer unsere primäre Heimat bleiben und regelmäßige Aufenthalte bei unserer Familie und Freunden nehmen eine essenzielle Bedeutung ein, denn nicht alle haben die Möglichkeit uns hier zu besuchen. Unser Wohnsitz dort besteht nach wie vor, auch Bankkonten. Eine Rückkehr ließe sich unproblematisch organisieren, das ist sehr beruhigend! Man sollte nicht alle Türen schließen! Die Besuche in Deutschland werden von mir regelrecht zelebriert! Erfülle mir viele Wünsche und genieße alles, was ich in Costa Rica nicht habe und oftmals vermisse. Das sind Fußgängerzonen, Kopfsteinpflaster und historische Gebäude, Fachwerkhäuser, Straßencafés oder Biergärten mit gepflegter Ess- und Tischkultur.  Für die Costaricaner nicht von Wichtigkeit, findet man nur in erstklassigen Hotels und Restaurants! Ich mag Konzerte bis in die Nacht, in Costa Rica kehrt schon früh am Abend Ruhe ein. Und einkaufen! Das darf nicht fehlen! In den Supermärkten komme ich mir vor wie im Schlaraffenland, ein Überangebot und Niedrigpreise! Da fällt die Beherrschung manchmal schwer und als Konsequenz schockt mich der Blick auf die Waage! Mit Kleidungsstücken, Kosmetika, Käse und Salami bringe ich mein Koffergewicht an die Grenzen!

Ob das Auswandern für mich eine endgültige Sache beschreibt oder eine Rückkehr beinhaltet, werden die nächsten Jahre zeigen! Zuweilen lenkt das Schicksal uns in eine andere Bahn, was ein Umdenken erfordert! Es ist durchaus vernünftig, dies im Sinn zu behalten! Costa Rica ist mir zur zweiten Heimat geworden. Ich liebe dieses Land! Daran wird sich keinesfalls etwas ändern! Darf auf zehn wunderschöne, erlebnisreiche Jahre zurückblicken! Lebe mein ICH, nicht wie mich andere sehen wollen und einordnen! Habe mein Inneres erforscht und Ansichten geändert! Das wäre mir in Deutschland vielleicht niemals so geglückt! Kein bisschen von dem, was mir erlaubt war hier zu erfahren und zu empfinden, möchte ich missen! Es hat mich bereichert und beschenkt.

von Inga Treu

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